Literaturkritikerinnen in der Aufklärung und Romantik

Literaturkritikerinnen der Aufklärung und Romantik

Unsichtbare Urteile. Literaturkritikerinnen in der Aufklärung und Romantik (Tagung)

Ort: Goethe-Universität Frankfurt am Main

Zeit: Mittwoch, 4. März bis Freitag, 6. März 2026

Organisation: Grace Evans und Marília Jöhnk

Förderung: Fritz Thyssen Stiftung im Rahmen des Verbundes „Lost in Archives“, gefördert vom BMFTR (Innovative Frauen im Fokus)

Hinweis: Auf Anfrage ist eine Teilnahme per Zoom möglich!

Beschreibung

Marcel Reich-Ranicki, Walter Jens, Denis Scheck – der Literaturkritiker scheint bis heute vor allem ein Mann zu sein. Die Tagung ‚Unsichtbare Urteile‘ möchte dieses Bild durch eine historische Perspektive auf die Entwicklung der Literaturkritik revidieren. Mit dieser Tagung hinterfragen wir nicht nur, dass Literaturkritik ein Bereich gewesen sein soll, in dem Frauen abwesend waren. Wir möchten durch die Sichtbarmachung von Literaturkritikerinnen neue Ansätze für die Genese des systematischen Nachdenkens über Literatur entfalten. Poetik, Hermeneutik und Kritik – wichtige Felder in der universitären Lehre – werden noch immer nahezu ausschließlich als Domänen gelehrt und tradiert, in denen Frauen abwesend waren. Unsere Hypothese lautet hingegen, dass schon im 18. und 19. Jahrhundert zahlreiche Frauen als Kritikerinnen tätig waren. Ihre Kritik ist jedoch, aus unterschiedlichen Gründen, unsichtbar geblieben. Jenseits der fehlenden Sichtbarkeit fragen wir danach, welche Rolle Geschlecht für das Selbstverständnis der Kritikerinnen gespielt hat: Mussten Kritikerinnen behutsamer urteilen? Kollidierten ‚imaginierte Weiblichkeit‘ (Silvia Bovenschen) und normative Geschlechterrollen mit der Position der Kritikerin? Bildeten sich Kritikerinnen-Netzwerke? Gab es Spezifika weiblicher Literaturkritik und wenn ja, wie können diese beschrieben werden, ohne in Essentialismen zu entgleiten? Welche Bedeutungen nehmen andere Kategorien von Zugehörigkeiten ein? Und: Wie unterscheidet sich weibliche Kritiktätigkeit in verschiedenen Sprach- und Textkulturen?

Programm der Tagung

Mittwoch, 4. März 2026 (IG 1.411)

14:00-14:30

Begrüßung Grace Evans und Marília Jöhnk

14:30-15:15 Veronika Schuchter (Innsbruck): Kritik der Kritikerin. Gender Bias in der Literaturkritik von der Aufklärung bis heute.

15:15-16:00 Jana-Katharina Mende (Halle-Wittenberg) Literaturkritikerinnen in Autor:innenlexika des 19. Jahrhunderts – Eine datenbasierte Spurensuche

16:30-17:15 Martina Groß (Hildesheim) Kritikerinnen unterwegs – Transnationales Urteilen in Frauenreiseberichten um 1800

17:15-18:00 Carola Hilmes (Frankfurt) Caroline de la Motte Fouqué liest „De l’Allemagne“. Anmerkungen zur Staël-Rezeption deutscher Schriftstellerinnen

Donnerstag, 5. März 2026 (IG 1.314 – Eisenhower Saal)

09:00-09:45 Heidi Liedke (Frankfurt) Criticism and Contemplation in George Eliot’s Travel Journals (1850s-1860s)

09:45-10:30 Grace Evans (Frankfurt) Degrees of Invisibility: Comparing the Historic Depiction of Women’s Literary Criticism in Britain and Germany

11:00-11:45 Susanne Zepp (Duisburg-Essen) Transatlantische Perspektiven aus Kolumbien: Die literaturkritische Stimme Soledad Acostas (1833–1913) zwischen Bogotá und Paris

11:45-12:30 Lara Edith Michels (Duisburg-Essen) Subversion durch Sprache: Weibliche Literaturkritik zwischen Spätromantik und feministischer Moderne in Argentinien

14:00-14:45 Vera Viehöver (Liège) Kritische Amazonen: Literarische Urteile und ‚Kunstgespräche‘ in Romanen von Frauen um 1800

14:45-15:30 Sunna Kroy (München) “unantastbar im Tempel der Unsterblichkeit“? Performative Literaturkritik am Beispiel der Therese von Artner (1772–1829)

16:00-16:45 Iulia Dondorici (Leipzig) Literaturkritikerinnen im Rumänien des 19. Jahrhunderts – zwischen Marginalisierung im literarischen Feld und Unsichtbarkeit in der Literaturgeschichte

16:45-17:30 Deborah Segger und Alissa Heinrich (Frankfurt) Unsichtbarkeit recherchieren (Workshop)

Freitag, 6. März 2026 (IG 1.314 – Eisenhower Saal)

09:30-10:15 Cosima Jungk (Frankfurt) „So dürr und trocken wie der Erdboden erscheint mir auch unsre Litteratur“– Dorothea Schlegels Lektüre und Literaturkritik in frühen und späten Briefen

10:15-11:00 Luisa Banki (Wuppertal) „Ich hoffe meine Leser werden selbst lesen und urtheilen.“ Begriffe und Praktiken der Literaturkritik bei Charlotte von Hezel und Sophie von La Roche

11:15-12:00 Stephanie von Steinsdorff (Potsdam) Therese Hubers Artikel zur Haitianischen Kultur: Literaturkritik als transnationale Verflechtungspraxis

13:30-14:15 Elena von Ohlen (Duisburg-Essen) Vom Salon in die Zeitung: Die kritische Urteilskraft lateinamerikanischer Autorinnen der Romantik

14:15-15:00 Marília Jöhnk (Frankfurt) Die unsichtbaren Literaturkritiken von Pauline de Meulan

Tagungsbericht

Autorin: Deborah Segger, studentische Mitarbeiterin im Projekt Lost in Archives

Der Literaturkritiker als Beurteilungsinstanz literarischer Arbeit scheint, historisch sowie kontemporär, vor allem als Mann verstanden zu werden. Die Tagung „Unsichtbare Urteile“ machte sich zum Ziel, eben dieses vorherrschende Narrativ der Literaturkritik als Männerdomäne historisch zu hinterfragen und für Literaturkritikerinnen zu sensibilisieren. Ausgangspunkt der Tagung war das in der IFiF-Förderlinie eingebettete BMFTR-Forschungsprojekt „Lost in Archives“, in dessen Rahmen die Organisatorinnen Marília Jöhnk und Grace Evans seit Oktober 2024 forschen.

Die Referentinnen beleuchteten in insgesamt 16 Vorträgen Beispiele von Literaturkritikerinnen aus Deutschland, Frankreich, Kolumbien, Argentinien, Rumänien und England, die eindeutig belegen, dass die Literaturkritik auch schon in der Aufklärung und Romantik ebenso eine Sphäre der Frauen* war. Darüber hinaus haben sich insbesondere transnationale Bezüge herausgestellt, unterstützt von Einblicken in kontemporäre Kritikerinnen sowie die Digital Humanities.

Ein weiteres Leitmotiv war die mitunter politische Dimension der Literaturkritik. Die Gründe für die Unsichtbarkeit von Frauen in der Literaturkritik wurden ausgehend von systemischen Ansätzen eruiert – dass es den behandelten Frauen nicht an Urteilsvermögen oder gar der scharfen Zunge des Kritikers mangelte, wurde anhand der Textbeispiele sehr deutlich.

Über die Vorträge und Diskussionen kristallisierten sich einige Leitfragen heraus: Wie definieren wir Literaturkritik? Und leistet eine enge Definition von Literaturkritik, wie sie vor allem in Deutschland prävaliert, womöglich einen Beitrag zur Unsichtbarmachung literaturkritischer Frauen? Wie können wir Literaturkritikerinnen sichtbar erhalten? Und wie können diese kritischen Stimmen nachhaltig hörbar gemacht werden? Welchen Einfluss haben darauf Recherchemöglichkeiten und Datensammlungen?

Mithilfe der interphilologischen Beiträge konnte die Tagung einen wichtigen Anfang für einen historischen Forschungsaustausch zu Literaturkritikerinnen begründen. Die Ergebnisse dieser Tagung, sowie weitere themenrelevante Forschungsergebnisse aus dem „Lost in Archives“-Teilprojekt zu Literaturkritik, werden in einem Tagungsband im Open Access-Format im kommenden Jahr bei transcript erscheinen. Die Tagung wurde von der Fritz Thyssen Stiftung finanziert.

Plakat Unsichtbare Urteile
Plakat Unsichtbare Urteile
Literaturkritikerinnen in der Aufklärung und Romantik
Literaturkritikerinnen in der Aufklärung und Romantik

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